Andreas M. Antonopoulos über Bitcoin, Datenschutz, Menschenrechte und die Zukunft von Bitcoin

Ich bin sehr dankbar und froh, dass ich diesen Podcast präsentieren kann. Es ist ein Interview, das ich mit Andreas M. Antonopoulos führen konnte. Andreas ist Best-Seller-Autor, Redner, Ausbildner und einer der weltweit führenden Bitcoin und Open Blockchains Experten mit 440.000 Followern auf Twitter. Seit 2012 berät er Privatpersonen, Regierungen und Unternehmen über Bitcoin und Open Blockchains. Er ist bekannt für seine kurzweiligen, abwechslungsreichen Vorträge, bei denen er Ökonomie, Psychologie, Technologie und Spieltheorie mit aktuellen Events, persönlichen Anekdoten und historischen Fakten kombiniert.

Andreas wurde bereits von der BBC, von Bloomberg Business, CNN, The Economist oder Forbes interviewt. Heute darf ich ihn für den Bitcoin & Co Podcast vors Mikrofon bitten.

Sie werden sehen, dass Andreas M. Antonopoulos einer der wenigen Bitcoin & Blockchain Experten ist, die mehr die politischen, kulturellen und menschlichen Aspekte der Technologie in den Vordergrund stellen als laufend Investment-Möglichkeiten zu sprechen.

In den nächsten 30 Minuten sprechen wir über Bitcoin im Kontext der Menschenrechte, über Blockchain Projekte und ihren Einfluss auf Gesellschaft und Wirtschaft, wie eine Multi-Währungswelt aussehen kann, was sein erster Bitcoin Einkauf war, welche Bücher er empfiehlt und da er seit jungen Jahren selbstständig arbeitet, erzählt er uns über seine Erkenntnisse und Tipps für erfolgreiches Unternehmertum.

Podcast mit Andreas M. Antonopoulos deutsche Übersetzung

AP: Hallo Andreas, herzlichen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, um mit mir und den Zuhörer*innen des Bitcoin & Co. Podcasts zu sprechen. Es ist eine große Ehre und Freude mit dir zu reden.

AA: Danke sehr, Anita. Es ist mir eine Freude dabei zu sein.

AP: In deiner Twitter Biographie beschreibst du dich selbst mit den Worten:
“Bitcoin, open blockchains, Sicherheit, Unternehmer, Coder, Atheist, Pazifist, Pilot.” Ich kann mich mit diesen Worten ebenfalls identifizieren, ausser: ich bin keine Coderin und definitiv keine Pilotin.

Du bist ausserdem ein Fürsprecher für Menschenrechte, Geschlechtergleichheit und unterstützt die Rechte von lesbischen, schwulen, Transgender und intersexuellen Menschen. Ich finde es extrem wichtig, wirkungsvolle Stimmen wie deine zu haben, die Nicht-Mehrheitsangehörige unterstützen, ganz besonders in der sehr männlich dominierten Kryptoindustrie. Dafür möchte ich mich zu Beginn bei dir bedanken.

AA: Danke, Anita

“Wenn wir es richtig machen, können Bitcoin & Blockchains die Menschenrechte weltweit stärken.” – Andreas M. Antonopoulos

AP: Das bringt uns direkt zum Thema des Podcasts, nämlich Bitcoin und die Blockchain Technologie. Wenn ich an das Thema Datenschutz, Schutz der Privatsphäre und das Recht auf Anonymität im Internet denke, könnte man sagen, dass Bitcoin & Blockchains die Menschenrechte stärken können?

AA: Wenn wir es richtig hinbekommen, dann ja. Wenn wir es richtig entwickeln, ja. Ich denke, wenn Bitcoin und offene Blockchains, offen und dezentral bleiben und wenn wir den Datenschutz stärken, dann ja. Die Anonymität bei Bitcoin ist derzeit nicht so hoch wie sie sollte, aber ich denke, dass das besser wird. Die Möglichkeit Zahlungen ohne Überwachung über Landesgrenzen hinweg ohne Einmischung zu tätigen, ist sehr wichtig für Selbstbestimmung und freie Meinungsäußerung. Geld ist einer der Wege wie wir unsere politischen Meinungen ausdrücken, wir unterstützen Kampagnen, die uns wichtig sind mit Spenden, wir treffen unsere Freunde in Clubs und Lokalen. Wenn wir dabei Geld verwenden, dessen Nutzung unter Beobachtung steht, wie es heute bei Kredit- und Bankomatkarten der Fall ist, dann macht das aus dem Recht auf Selbstbestimmung und freie Meinungsäußerung, das die Regierungen immer behaupten zu unterstützen, eine Farce.

AP: In einem Interview, das du in Wien gegeben hast, hast du über die Gefahren des Faschismus gesprochen, die wir leider weltweit wieder aufkeimen sehen. Ich denke, das ist wirklich ein Problem, speziell in Österreich und Deutschland mit unserer Geschichte.

“In den kommenden zwei bis drei Jahren wird Bitcoin durch neue kryptographische Methoden anonymer sein als es heute ist.” – Andreas M. Antonopoulos

Bitcoin ist pseudonym, das heisst, alle Transaktionen können öffentlich eingesehen werden, aber man sieht nicht wer direkt hinter den Zahlungen steht. Trotzdem ist eine gewisse Nachvollziehbarkeit gegeben, zum Beispiel wenn jemand meine Bitcoin Adresse kennt. Wann wird es deiner Meinung nach Lösungen geben, die volle Anonymität und Datenschutz ermöglichen?

AA: Ich schätze in den nächsten paar Jahren werden wir technische Neuerungen sehen, die starken Anonymitätsschutz und den Schutz privater Daten bringen werden. Das wird eine Kombination von fortgeschrittenen Technologien sein, die derzeit entwickelt werden. Das sind unter anderen Schnorr Signaturen, MAST, Confidential Transactions und verschiedene Formen der CoinJoin Technologie. Das sind alles Mechanismen, um die Zahlungsabsende- und Empfangsadresse zu verstecken, die Höhe der Zahlung privat zu machen und es schwieriger zu machen Zahlungen nachzuvollziehen oder sie für statistische Zwecke auszuwerten. Trotz all dieser Mechanismen wird es weiterhin möglich sein, unabhängig und ohne Autoritäten zu benötigen, die Gültigkeit der Blockchain zu verifizieren. Man muss also dann weder den überwiesenen Betrag noch Absender und Empfänger veröffentlichen, um die Blockchain korrekt zu halten. Das ist einer dieser unglaublichen, kleinen Tricks, die uns die Kryptographie ermöglicht. Etwas zu haben, das anonym und gleichzeitig sehr dezentral und von Gleichen zu Gleichen funktioniert. Ich schätze, dass das in den nächsten 2 bis 3 Jahren passieren wird.

AP: Denkst du nicht, dass Regierungen dann mit mehr Regulierung und Kontrolle antworten oder die Kryptotechnologie illegalisieren werden?

AA: Sie können es versuchen, sie können versuchen es zu regulieren, sie können versuchen es illegal zu machen, sie können viele Dinge versuchen, aber gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass wir über ein System sprechen, das schon über genug Liquidität verfügt, um trotzdem weiterzulaufen und Bitcoin ist nicht das Einzige. Es gibt jetzt Tausende von Kryptowährungen und einige davon haben jetzt schon starken Anonymitätsschutz eingebaut. Bei einigen davon war der Schutz der privaten Daten der primäre Grund, für ihre Entstehung. Diese sind zwar nicht so liquide, nicht so verbreitet und nicht so einfach zu benutzen wie Bitcoin, aber sie sind viel stärker beim Schutz der Privatsphäre. Im Endeffekt ist es so: privates Geld ist angekommen. Regierungen können so tun als ob sie nicht existieren, sie können versuchen sie zu stoppen, sie können versuchen zurück zu gehen zu diesem Traum, den sie in den 1970er Jahren kreierten, in dem sie das Geldsystem in eine Erweiterung der Strafverfolgung umbauten, um ein totalitäres Geld-Überwachungssystem zu schaffen. Das begann mit dem Bank Secrecy Act und einigen anderen Regulierungen und führte bis zu den Hinterlassenschaften der NSA und anderen Geheimdiensten, die Geld als ein Mittel zur Überwachung verwenden. Aber wir hatten privates Geld für Tausende von Jahren, privates, nicht-überwachbares Geld unter Gleichen und das war Bargeld. Und die Welt ist nicht zusammengebrochen deshalb, furchtbare Dinge sind nicht wegen Bargeld passiert, sondern aus anderen Gründen, weil die menschliche Natur Probleme hat, aber Bargeld war dafür nicht der Grund. Wir können wieder zurückgehen zu einer Zeit in der wir privates Geld besitzen und die Welt wird nicht auseinanderfallen. Es werden eher viele Teile der Welt zu mehr Freiheit kommen.

AP: Kannst du uns bitte in ein paar Sätzen erklären, was Bitcoin ist, sodass es auch unsere Großeltern verstehen würden.

AA: Bitcoin ist Geld im Internet, es ist rein digitales Geld, das keine physische Form hat. Aber das Besondere an Bitcoin ist nicht, dass es digitales Geld ist, denn der Euro ist zum Beispiel großteils nur digitales Geld, das auf Computern gespeichert ist. Die Münzen und die Euroscheine machen nur etwa 8 Prozent der im Umlauf befindlichen Euro Menge aus. Der Rest ist digital. Das Besondere an Bitcoin ist, dass es zwischen Personen genauso direkt ausgetauscht wird wie Bargeld und dass es keine Vermittler wie Banken oder Zahlungsdienste, PayPal usw. braucht. Sie haben es, sie versenden es direkt zu der Person, die sie bezahlen wollen, niemand kann sich in diese Zahlung einmischen, niemand kann etwas davon abzweigen, es in Beschlag nehmen, es einfrieren oder sie zur Kasse bitten, dafür dass sie ihr eigenes Geld halten. Es ist eine Geldart, bei der Zahlungen so einfach sind wie eine E-Mail zu senden oder eine Webseite zu besuchen. Wenn Sie eine Webseite besuchen, verbindet sich ihr Computer direkt zu der Webseite und sie können jede Webseite besuchen, die sie möchten, zumindest in freien Ländern. Mit den richtigen Tools kann man auch in weniger freien Ländern alle Webseiten benutzen. Bitcoin ist alles das, für Geld.

AP: Wenn ich Leuten die Bitcoin-Blockchain erkläre und ihnen sage, dass alle 10 Minuten ein Block an den anderen gehängt wird, wodurch die Transaktionen erst wirklich sicher sind, werde ich sehr oft gefragt, was mit den Transaktionen passiert, die in der Zwischenzeit getätigt wurden. Wie sicher ist eine Transaktion, die ich jetzt tätige, wenn sie erst in den nächsten 10, 20 oder 30 Minuten in einen Block aufgenommen wird?

AA: In der Zwischenzeit ist sie nicht so sicher, außer man nutzt zusätzliche Technologien wie Multisignature oder eine Form treuhändischer oder Second Layer Technologie wie das Lightning Netzwerk. Aber bevor diese Technologien marktreif sind, muss man bei der Bitcoin-Blockchain einfach einige Zeit warten bis das ganze weltweite Netzwerk zustimmt und die Transaktion wirklich sicher abgeschlossen ist. Was viele Menschen nicht erkennen ist, dass dies im klassischen Bankensystem 3 bis 5 Tage dauert, mit Kreditkarte kann es bis zu 30 Tage dauern. Wenn man in einem Laden mit Kreditkarte bezahlt, bekommen die das Geld erst nach ca. 30 Tagen, vorher können sie nichts damit machen. In der Zwischenzeit könnte es die Bank jederzeit zurücknehmen. Das heisst in Wirklichkeit steht einem Zahlungsabschluss in 3 bis 5 Tagen, 20 Tagen oder 30 Tagen ein Abschluss in 30 Minuten gegenüber.

AP: Was natürlich auch für zum Beispiel Unternehmen der Logistikbranche eine positive Tatsache ist, zur Beschleunigung ihrer Geschäfte.

AA: Ja und man geht ein entsprechendes Risiko ein. Für einen Kauf eines 5 Euro Kaffees, der nicht binnen 2 Sekunden bestätigt ist, ist das Risiko eines Zahlungsausfalles ok. Verkäufer nehmen dieses Risiko jetzt schon in Kauf, dann wenn man eine Kreditkartenzahlung unter 20 Euro weder unterschreiben noch eine PIN eingeben muss. Der Verkäufer geht einfach das Risiko ein, das Geld zu verlieren, weil die Zahlung zurückgefordert wird oder nie ankommt. Dafür kann er mehr Kunden in derselben Zeit bedienen, was ihm mehr bringt, als die paar Verluste. Das trifft auch für andere Transaktionen zu. Wenn sie zum Beispiel eine Auto oder ein Haus kaufen und Tausende von Euro in Bitcoin versenden, dann werden sie entsprechend lang warten, bevor sie die Schlüssel übergeben. Um ihnen ein Beispiel zu geben. Ich habe mein Auto an einem Samstag um 22:00 Uhr an jemanden verkauft, der dafür aus einem anderen Staat bezahlt hat. Die Banken waren geschlossen und nach drei Bestätigungen gab ich ihm die Schlüssel zum Auto. Nach 30 Minuten war ich mir sicher, dass die Bitcoin angekommen waren, weshalb ich den Schlüssel für mein Auto im Wert von über 10.000 Euro übergeben habe. Ich hätte diesen Verkauf nicht anders abwickeln können. Mit Bargeld hätte das Risiko eines Raubs bestanden, die Banken haben zu dieser Zeit geschlossen und es wäre ziemlich kompliziert gewesen mit der grenzüberschreitenden Zahlung. Mit Bitcoin funktioniert das einfach und effizient. Also, man wartet einfach eine Zeit und schätzt das Risiko selbst ab, je nach der Höhe der Zahlung.

AP: Und das Gute daran ist ausserdem, dass die Transaktionskosten nicht abhängig sind von der Höhe der Transaktion, sondern von der Datenmenge, die versendet wird.

AA: Ja, genau. Vor zwei Tagen wurde der Rekord für den höchsten Betrag einer Bitcoin Zahlung gebrochen. Jemand hat eine Zahlung über 255 Millionen Euro mit Bitcoin getätigt und die Transaktionsgebühr dafür war 20 Cent. Das ist mit einer traditionellen Zahlungsweise einfach unmöglich. Vor kurzem wurde ich für eine Konferenz über PayPal bezahlt. PayPal hat mir 75 US-Dollar verrechnet für eine Zahlung von 2.000 US-Dollar. Es ist einfach unvergleichbar.

“Für eine Zahlung über 255 Millionen Euro mit Bitcoin wurden 20 Cent Transaktiongebühr fällig. Das im traditionellen Bankensystem nicht möglich.” – Andreas M. Antonopoulos

AP: Die niedrigen Transaktionsgebühren legen es nahe, dass man zum Beispiel Künstler*innen oder Journalist*innen für ihre Arbeit online mit Bitcoin bezahlt. Projekte wie Ujomusic oder der Brave Browser gehen in diese Richtung. Würdest du auch sagen, dass dies Beispiele von Blockchain-Projekten sind, die wirklich Sinn machen, weil sie offen sind und die einzelnen Kreativen unterstützen?

AA: Ja, da stimme ich zu. Wir sind noch nicht ganz so weit, weil Mikrozahlungen mit Blockchains noch schwer umzusetzen sind und die Gebühren können sehr hoch sein. Wenn man für die Datenmenge bezahlt, dann sind 20 Cent Gebühren fein für eine 255 Millionen Zahlung. Aber bei einer Mikrozahlung mit einer Höhe von 10 Cents sind 20 Cents Gebühren viel zu hoch. Für sehr, sehr schnelle und einfache Mikrozahlungen werden “Second Layer” Technologien entwickelt wie das Lightning Netzwerk, Raiden und andere. Diese können Content Kreation wirklich revolutionieren und unabhängigen, kleinen Unternehmen dabei helfen, dass sie keine zentralisierten Vermittlungsdienste benötigen. In Wahrheit ist es ja so, der Grund warum wir diese Vermittler benutzen ist, weil wir Zahlungen oder Werbung aggregieren müssen, damit wir für die Verteilung der Daten zahlen können. Also zahlen wir entweder mit kleinen Verstößen gegen unsere Privatsphäre durch personalisierte Werbung und dadurch, dass unsere privaten Daten aufgenommen werden oder man zahlt ein Abonnement, das in großem Maßstab aggregiert werden muss, damit es sich auszahlt. Wie zum Beispiel bei Spotify, Amazon oder all den großen Services. Die Möglichkeit das zu umgehen und eine direkte Mikrozahlung von ein paar Cents an eine einzelne Content Erstellerin zu senden, die diese Zahlungen zu sehr geringen Kosten aggregieren kann, das befreit Kunstschaffende von den Intermediären und das ist natürlich der große Vorteil dieser Technologie, dass sie ohne Intermediäre auskommt.

AP: Blockchain-Anwendungen, die Mikrozahlungen ermöglichen, basieren heute hauptsächlich auf Ethereum. Kannst du uns etwas über Rootstock erzählen? Das soll ja eine Technologie sein, die die Ausführung von sogenannten Smart Contracts auf der Bitcoin-Blockchain ermöglicht.

AA: Ja, beide also Ethereum und Rootstock verwenden virtuelle Maschinen, um Smart Contracts zu ermöglichen. Das heisst, es handelt sich im Grunde um programmierbare Blockchains, auf denen man kleine Programme schreiben kann, die auf der Blockchain abgewickelt werden. Diese Plattformen sind großartig als programmierbare Blockchains, aber sie skalieren nicht effizient genug, sie skalieren weniger effizient als Bitcoin. Um Mikrozahlungen auszuführen, müsste man das auf einem weiteren Layer tun, denn die aktuellen Plattformen können bei hoher Anzahl an Transaktionen schnell überfüllt sein und die Transaktionsgebühren können sehr hoch werden.

AP: Du hast uns von deinem Autoverkauf mit Bitcoin erzählt. Kannst du dich erinnern, wann war dein erster Einkauf mit Bitcoin und was hast du gekauft?

AA: Ja, mein erster Kauf fand etwa Ende 2012 statt. Ein Bitcoin war damals unter 30 US-Dollar wert. Ich kaufte eine Packung Kaffeebohnen von einem Händler in Arizona und ich glaube, dass ich 1,5 Bitcoin dafür bezahlt habe. Also habe ich damals nach heutigem Wert rund 7.000 Euro für eine Packung Kaffee bezahlt. Aber durch solche Käufe wird die kommerzielle Nutzung erst brauchbar gemacht. Umgekehrt bin ich auch in Bitcoin für meine Arbeit bezahlt worden in Beträgen, die heute das unglaublich viel wert sind.

AP: Wie war das damals? Wie schwierig war es Bitcoin zu benutzen? Heute gibt es viele verschiedene Wallets wie Copay, Samourai Wallet etc.?

AA: Oh, es war sehr schwer. Es gab keine Wallets für das Smartphone oder vielleicht gerade mal eine. Die erste Android Wallet ist zu dieser Zeit herausgekommen, die Bitcoin Wallet von Andreas Schildbach, der wie ich glaube Österreicher ist.

AP: Ist er nicht Deutscher? Ich glaube er ist aus Deutschland. (Nachtrag Recherche: Andreas Schildbach lebt in Berlin)

AA: Andreas Schildbach hat die erste Bitcoin Wallet geschrieben, aber ansonsten gab es keine Exchanges außer Mt. Gox und zu der konnte man Geld nur über eine komplizierte Serie von Banküberweisungen senden. Es gab keine wirklich einfach zu nutzenden Exchanges, keine Bitcoin-Automaten, nur sehr wenige Händler, die es akzeptierten und es war ein sehr komplizierter Prozess. Aber das ist wie sich Technologie entwickelt, es geht sehr kompliziert los und nur die absoluten Fans und early Adopter, hauptsächlich Geeks, sind bereit es zu versuchen und dann wird es einfacher und einfacher für alle anderen.

“In der Zukunft wird es tausende verschiedene Währungen geben, die wir je nach Anwendungsfall automatisch nutzen werden.” – Andreas M. Antonopoulos

AP: Ich habe gehört, dass du an eine Multi-Währungswelt glaubst. Dass es weltweit tausende verschiedene Währungen geben wird, die nebeneinander existieren. Ich bin ein Fan von regionalen Währungen, ich denke, dass sie lokale Gemeinschaften unterstützen können. Wie denkst du, dass das funktionieren kann und wie können diese mit Bitcoin verbunden sein?

AA: Ich denke, dass wir nach und nach in eine Phase kommen, in der wir “Second layer tools” haben, die es uns erlauben jede dieser tausenden Kryptowährungen in ein paar wenigen Sekunden zu sehr geringen Gebühren und ohne Intermediäre, sondern direkt von Peer zu Peer, in eine andere umzutauschen. Das bedeutet, dass das eine in die Wallet eingebaute Funktion sein wird, wodurch die Wallet jederzeit eigenständig entscheiden kann, welche Währung für diesen Einkauf gerade die günstigste ist. Wenn man also in einen Laden geht, kann die Wallet bereits über WLAN, Bluetooth, NFC oder etwas anderes mit dem Laden kommunizieren und fragen “Welche Währungen unterstützt du?”, dann bekommt sie ein Liste mit 1.500 Kryptowährungen, sieht nach, ob sie über diese verfügt, sieht nach welche die aktuell finanziell günstigste ist, tauscht einen Betrag in die andere Währung, bezahlt den Laden und weiter gehts. Das könnte eine automatische Verhandlung zwischen Smartphone Wallet und Laden sein. Genauso wie dein Smartphone entscheidet, welches WLAN es auswählt oder wenn du einen Telefonanruf machst, wie dieser basierend auf den günstigsten Gebühren für internationale Anrufe automatisch geroutet wird oder wie Internet Pakete geroutet werden. Geld kann also komplett geroutet werden, welche Währung man dann hält, ist völlig egal. Genauso wie es egal ist, welchen Internet Service Provider ich habe. Wir mussten uns nicht darüber unterhalten, welchen Internet Service Provider wir für dieses Gespräch verwenden und es sollte in Zukunft auch nicht notwendig sein, dass wir wissen, welche Arten von Währungen wir gerade besitzen, das soll dein Gerät automatisch wissen.

AP: Wir mussten uns aber auf das Service einigen mit dem wir telefonieren. Skype oder Google Hangouts…

AA: Ja, diese Protokolle sind immer noch nicht offen. Es gab eine Zeit, da waren Video-Konferenz Protokolle weit offener und man musste sich nicht für einen Service entscheiden, aber unglücklicherweise haben sie sich in Sachen Offenheit zurückentwickelt.

AP: Ja, das ist die Hoffnung, die man in die offenen Blockchains legt, dass sie diese zentralisierten Institutionen öffnen und uns das Recht geben selbst zu entscheiden, was wir mit unseren Daten machen wollen.

AA: ja, absolut richtig.

AP: Ich denke, das ist eine der überzeugenden Eigenschaften von Bitcoin und offenen Blockchains.

AA: ja, ganz sicher.

AP: Ich weiß, dass du viel liest. Kannst du uns vielleicht ein oder zwei Bücher für Leute mit Interesse an Bitcoin oder am Thema, wie sich unser Leben durch digitale Technologien ändert, empfehlen?

AA: Oh, ich lese soviele Bücher, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Ich habe vor kurzem “The Truth Machine” gelesen von Michael Casey und Paul Vigna. Das andere sehr interessante Buch, um moderne und traditionelle Ökonomie zu verstehen, war “Debt: the first 5000 years” von David Graeber.

AP: Ich kann allen Hörerinnen und Hörern jedenfalls alle deine Bücher wie “The Internet of Money” oder für die eher technisch interessierten “Mastering Bitcoin” empfehlen. Sie sind großartige Lektüre, wenn man sich einlesen möchte. Und natürlich alle deine Videos auf YouTube mit den Q & As, diese sind sehr hilfreich.

AA: Dankeschön! das freut mich.

“Beim selbstständig sein, geht es nicht darum erfolgreich zu sein, sondern es geht darum es laufend zu versuchen. Durch Erfolg und Scheitern weiter zu lernen.” – Andreas M. Antonopoulos

AP: Du bist ja auch ein erfolgreicher Unternehmer. Du hast als Einzelunternehmer gestartet. Kannst du Leuten, die ein Unternehmen gründen wollen ein paar Tipps geben bzw. was waren deine wichtigsten Erkenntnisse auf diesem langjährigen Weg?

AA: Ich habe mit 15 Jahren angefangen selbständig Geld zu verdienen. Das sind jetzt 30 Jahre selbständigen Arbeitens. Ich habe überhaupt nur cirka 1,5 Jahre für jemand anderen gearbeitet, ich hatte zwei verschiedene Bosse, ich habe es nicht gemocht. Ich habe gerne mein Schicksal selbst in der Hand mit all den Risiken, die das hat. Ich habe mehrere Unternehmen gegründet, ein paar davon waren ganz ok erfolgreich, viele davon sind aus verschiedenen Gründen gescheitert. Mit jedem Scheitern habe ich etwas Neues gelernt.
Beim selbstständig sein, geht es nicht darum erfolgreich zu sein, sondern es geht darum es laufend zu versuchen. Durch Erfolg und Scheitern weiter zu lernen und wenn etwas schief läuft, die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten und so rasch als möglich den nächsten Schritt zu setzen und es weiter zu versuchen. Du wirst vielleicht einige Erfolge haben, aber in der Zwischenzeit hast du vor allem eines, die Freiheit selbst zu entscheiden. Ich habe viel von jedem meiner Fehler gelernt. Probleme Geschäftspartnern zu vertrauen, die mich bestohlen haben. Beziehungen aufbauen, Entscheidungen treffen, meine Zeit einteilen, mit anderen Menschen zusammenarbeiten, Angestellte zu haben, Mitarbeiter*innen zu managen, andere bei ihren eigenen Interessen und Karrieren zu unterstützen, damit sie produktiv sein können, wenn sie mit mir arbeiten. Viel öfter Nein zu sagen als Ja. Alle diese Dinge lernt man stufenweise, in dem man Fehler macht und jeder Fehler baut auf einem vorigen auf, damit man lernen kann und diesen Fehler hoffentlich nicht mehr als maximal zweimal macht, wenn möglich. Aber mir gefällt es. Ich habe dadurch die Möglichkeit von überall aus zu arbeiten, meine Arbeit gut und wertvoll und für mich persönlich auch psychologisch und emotional lohnend zu machen. Auch wenn es nicht immer sehr profitabel ist, es macht mir immer Freude und ich richte mir das auch selbst so. Es ermöglicht mir die Lebensweise, die ich mag. Manche Leute wollen finanziell reich werden, für mich ist es befriedigender frei zu sein, die Möglichkeit zu haben die Welt zu erkunden und mir selbst die Zeit einzuteilen. Das geht nur, wenn man selbständig arbeitet.

AP: Danke, das war ein ganz tolles Schluss-Statement. Ich denke, eine Unternehmerin zu sein, ist ein richtiges Lebens-Abenteuer und es treibt mich immer voran. Es ist das was ich tun will, ich will meine Freiheit, meine Unabhängigkeit. Es ist aber auch ein richtiges Auf-und Ab. Du bist ja eine Art Vorbild oder Mentor für mich diesbezüglich.

“Manche Leute wollen finanziell reich werden, für mich ist es befriedigender frei zu sein, die Möglichkeit zu haben die Welt zu erkunden und mir selbst die Zeit einzuteilen.” – Andreas M. Antonopoulos

Meine letzte Frage ist: wie können dir meine Hörer*innen folgen und deine Arbeit unterstützen?

AA: Meine Bücher und meine Videos sind alle unter offenen Lizenzen veröffentlicht, das heisst, man kann sie kostenfrei lesen, teilen, kommentieren, kopieren und für eigene Zwecke verändern. Ich bin ein starker Fürsprecher einer offenen Kultur, in der wir alle kollaborieren und großartige Produkte für alle erzeugen und Information für alle kostenfrei machen. Man kann meine Bücher natürlich auch kaufen, wenn man gerne ein E-Book liest oder einfach gerne ein Buch in der Hand halten mag. Meine Arbeit wird hauptsächlich durch Beiträge von Unterstützer*innen auf der Plattform Patreon finanziert. Auf Patreon kann man 5 Dollar pro Monat oder mehr an eine kreativ schaffende Person zahlen. Das gibt mir die Möglichkeit unabhängig zu arbeiten und anderen meine Arbeit kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Meine Patrons (Spender*innen) bekommen Zugang zu speziellen Goodies wie zum Beispiel früheren Zugang zu Videos, Blicke hinter die Kulissen, monatliche live Frage und Antwort-Sessions etc. Diese Inhalte werden später dann der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt.

AP: Großartig, danke. Lieber Andreas, vielen Dank für deine Zeit und dieses Gespräch. Es war toll. Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft!

AA: Danke sehr, Anita. Es war mir eine Freude. Bye!

Shownotes

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Andreas hat die Bitcoin Wallet von Andreas Schildbach erwähnt, die allererste Android Wallet für Bitcoin. Wir haben gerätselt, ob er Deutscher oder Österreicher ist. Ohne Ergebnis, er lebt vermutlich in Berlin.