Neue Arbeit – Neue Kultur: Frithjof Bergmann im Interview

Von Blog, Entrepreneurship

Vision einer (selbst)bestimmten Gesellschaft

Im Rahmen der Ars Electronica 2010 in der ehemaligen Tabakfabrik in Linz, lernten meine Kollegin Martina Gruber und ich Prof. Frithjof Bergmann, den Begründer der „Neuen Arbeit“ persönlich kennen. Unsere Plattform wienett – Handwerk zum Kaufen war Teil der Ausstellung zum Thema „NANK – Neue Arbeit, Neue Kultur„.

In dieser Schau wurden zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum Projekte und Technologien der „Neuen Arbeit“ vorgestellt. Podiumsdiskussionen zu Themen wie „Werkstatt 2020“, „Social Entrepreneurship, Kleinstbetriebe“, „Nachhaltig wirtschaften“ oder „Open Source. Real.“ rundeten die Veranstaltung ab.

Ich führte am 5.9.2010 ein Interview mit Prof. Bergmann. Zur Einleitung ein paar Worte über die Vision der „Neuen Arbeit“ und ihren Begründer.

Hier ein kurzes Video der FH St. Pölten über NANK:

Was ist „Neue Arbeit“?

Man kann die Idee der „Neuen Arbeit“ nicht in einen oder zwei Sätze packen. Es ist ein neue Lebens- und Gesellschaftsform, die die sogenannte „Neue Klasse“ schon jetzt teilweise lebt. Die „alte Arbeit“ ist: man arbeitet und wird von jemandem dafür bezahlt. Der Lohn dient dem Lebensunterhalt, das Leben findet in der Freizeit statt. Nur wenige Menschen mögen ihre Arbeit wirklich. Bergmann spricht von einer „milden Krankheit“, die man erduldet und hofft, dass sie bald vorüber geht. Die klassische Lohnarbeit ist dabei auszusterben. Die Zahl der Arbeitslosen steigt, die Unzufriedenheit ebenso. Die Finanzkrise ist noch lange nicht überwunden und dahinter lauert schon die nächste Krise, weil die Menschheit immer noch nicht erkannt hat, dass es so nicht weitergehen kann.

Darum soll das System der Lohnarbeit langsam in die Neue Arbeit überführt werden. Diese soll aus drei Teilen bestehen:

  • 1/3 Erwerbsarbeit,
  • 1/3 High-Tech-Self-Providing (Selbstversorgung) und smart consumption und
  • 1/3 Arbeit, die man wirklich, wirklich will.

Wenn mehr Menschen die vorhandene Erwerbsarbeit unter sich aufteilen würden, gäbe es weniger Arbeitslose. In der gewonnenen Zeit könnte man zur Selbstversorgung beitragen oder die Arbeit machen, die man wirklich will. Das setzt die allgemeine Bereitschaft zum Um- und Neuverteilen der Arbeit voraus. Die Selbstversorgung im Sinn von Frithjof Bergmann ist nicht, dass sich jeder den eigenen Pullover stricken muss, sondern es geht um High-Tech-Eigen-Produktion und kluges Konsumieren.

Neue Arbeit ist der Versuch eine neue Wirtschaftsform zu etablieren, in der nicht mehr die großen Konzerne die Märkte beherrschen, sondern in der durch die Selbstversorgung eine „Ökonomie von unten“ entsteht. Hier geht es nicht um Profit, sondern um die wahren menschlichen Bedürfnisse. Diese dezentrale, solidarische Ökonomie ist die Grundlage für die wirklich, wirklich gewollte Arbeit.

Quellen:

Frithjof Bergmann

Geboren in Sachsen, verbrachte er seine Kindheit in Österreich. Als 19jähriger gewann er mit einem Aufsatz zur „Welt, in der wir leben wollen“ ein Studienjahr in Oregon von der österreichischen US-Botschaft und blieb. Zunächst schlug er sich als Tellerwäscher, Preisboxer und Hafenarbeiter durch. Später schrieb er Theaterstücke und lebte fast 2 Jahre als Selbstversorger auf dem Land bei New Hampshire bevor er ein Philosophiestudium begann.

Er promovierte in Princeton mit einer Arbeit über Hegel. Lehraufträge in Princeton, Stanford, Chicago und Berkeley. Von 1978 an ein Lehrstuhl für Philosophie, später auch für Anthropologie an der University of Michigan. 1984 gründete er zusammen mit General Motors das erste Zentrum für Neue Arbeit in der Automobilstadt Flint in Michigan. Seitdem sind einige solcher Zentren in verschiedenen Ländern entstanden. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen über ökonomische, politische und kulturelle Themen und berät neben Regierungen, Firmen, Gewerkschaften und Kommunen auch Jugendliche und Obdachlose in Fragen der Arbeit.
Quelle: http://www.neuearbeit-neuekultur.de/

Interview mit Frithjof Bergmann über „Neue Arbeit, neue Kultur“ bei der Ars Electronica, 5.9.2010

Anita Posch: Ich behaupte, wenn die Vision der Neuen Arbeit Wirklichkeit wird, kann sich der Mensch positiv entwickeln. Also eine wünschenswerte Situation. In einem Land wie Österreich sind die Menschen das Lohnarbeitssystem gewöhnt, es herrscht großes Sicherheitsdenken. Was kann jetzt der/die Einzelne dazu tun, dass die Neue Arbeit der Realisierung näher rückt, beziehungsweise was können Unternehmer/innen tun?

Frithjof Bergmann: Ich finde da ist das, was man tun kann, deutlich. Als Entrepreneur kann man laut und klar sagen, dass man Leute einstellen wird unter der Grundannahme, dass sich das Menschliche rechnet. Wenn man mit den Menschen menschlich umgeht, wenn man sie ernst nimmt, wenn man auf sie hört, wenn man auf ihre Ideen eingeht, aber auch auf ihre Wünsche, auf ihre Empfindlichkeiten, wenn man sie als Menschen ernst nimmt, dann ist das auf lange Sicht gut fürs Geschäft. Es trägt zum Erfolg des Geschäftes bei. Und das ist so etwas, wo so ein bisschen meine Lebensgeschichte, oder die Tatsache, dass ich an dem schon eine ganze Weile arbeite, eine gewisse Rolle spielt, weil ur-ur-ursprünglich der Gedanke, dass Menschen in der Arbeit das tun sollten, was sie wirklich, wirklich wollen, hat natürlich nichts als Kopfschütteln ausgelöst, und meine Reaktion war selbstverständlich vorbereitet, weil trotzdem ich Philosoph bin, versuche ich sehr, sehr praktisch zu sein. Also ich war auf das vorbereitet und habe gesagt, natürlich können die Menschen nicht immer nur das tun, was sie wirklich, wirklich wollen, und selbstverständlich wissen sie nicht, was sie wirklich, wirklich wollen, das muss unterstützt werden und das braucht viel Geduld, bis sie das rauskriegen, ABER: es rechnet sich, es ist etwas, das für das Geschäft gut ist. Und das habe ich damals General Motors gesagt, und das habe ich damals Chrysler gesagt, und das habe ich damals allen möglichen Leuten gesagt. Aber in der Zwischenzeit, und das ist der Punkt, den ich noch schnell reinquetschen will, in der Zwischenzeit hat sich das sehr bewährt. Das ist zu einem Grundsatz für viele Unternehmen geworden, die das mit einer Art Selbstverständlichkeit betrachten und auch anwenden. Es gibt auch ganze Gruppen von Unternehmensberatern, die es – wenn sie mir irgendwo in einem ICE begegnen – sagen, ja, im Grunde genommen mach ich, was Sie ursprünglich vorgeschlagen haben. Ich versuche es dazu zu bringen, dass Menschen in meinem Unternehmen das tun, was sie wirklich wollen.

AP: Sie haben erzählt, dass die Google-Gründer bei Ihnen in den Vorlesungen gesessen sind.

FB: Ja.

AP: Die 20% Zeit, die die Google Mitarbeiter/innen frei bekommen, um an Innovationen zu arbeiten: kann man sagen, dass diese Idee ein bisschen von Ihnen inspiriert ist?

FB: Weiß ich nicht, im Grunde genommen, bin ich da in solchen Sachen sehr vorsichtig. Was ich gemacht habe, hat sich auf jeden Fall sehr herumgesprochen, war im Fernsehen, war innerhalb weniger Wochen, Monate ein großer Medienerfolg. Und das war eben auch zum Teil kühl berechnet von mir, weil ich habe mir gedacht, wenn ich irgendwie so etwas machen will, das dann unter Umständen so bisschen die Arbeitswelt auf den Kopf stellt, dann bei General Motors. Also damals war General Motors DER größte Betrieb in den Vereinigten Staaten, und auch der berühmte Satz, auf Englisch, „What’s good for General Motors is good for the country“, der hat sich sicher herumgesprochen, also was gut für General Motors ist, ist gut für das Land. Also es war DER ikonische Betrieb. Und natürlich hatte das dann Einfluss und wurde nachgemacht und viel besprochen. Aber wenn ich es noch etwas anders sagen kann, bei dieser Ausstellung ist auch ein Buch da, „Neue Arbeit, neues Können“ oder sowas Ähnliches von einem Verlag der sich noch dazu Verlag „Neue Arbeit“ nennt. Von denen habe ich noch nie gehört. Ich komme bei denen soweit ich gesehen habe überhaupt nicht vor. Das macht mir gar nichts. Also, darum kann ich glaube ich schon sagen, ich hab ein gewisses Vertrauen, dass ich sozusagen absolut alles andere als nervös bin. Und ob die Google-Leute jetzt das von mir gekriegt haben oder ob sie eben durch Zufall tatsächlich auch mal eine gute Idee hatten, es sei dahingestellt.

AP: Hauptsache es wirkt!

FB: Ja absolut. Absolut. Und die Ähnlichkeit ist da und ich meine, ich benutze es ja jetzt auch, ich meine, ich kann sozusagen wahrheitsgetreu sagen, das wird gemacht und es wirkt.

AP: Ja. Jetzt noch eine Frage, die auch irgendwie aus zwei Teilen besteht. Einerseits. die aber irgendwie zusammengehört, einerseits die Frage nach der Arbeit, die keiner tun will, also so WCs putzen, ältere Leute pflegen, das sind ja vor allem auch klassischerweise Tätigkeiten, die Frauen sehr oft und sehr oft auch in der Familie und sozusagen unentgeltlich ausüben, und in Österreich ist es ja überhaupt so, dass Frauen in gleichen Berufen teilweise sogar mit höherer Ausbildung als Männer..

FB: ..weniger bezahlt bekommen.

AP: um 30% weniger verdienen, ja, und was kann jetzt die Bewegung der Neuen Arbeit für die Frauen tun, und wer macht die Arbeit, die keiner will?

FB: Das sind zwei Fragen.

AP: Ja genau.

FB: Also, nehmen wir mal die Frauen zuerst, wie es sich gehört. Also, das ist sozusagen für mich schon eine Art Freudenfest, oder da gibt es diesen deutschen Ausdruck, das ist Wasser auf meine Mühle oder so etwas. Auf jeden Fall gefällt es mir unheimlich. Die Tatsache ist, dass von allem Anfang an, also am Ursprung, der Ursprung war ja in Flint, in der Automobilstadt Flint, dass die Fabriksarbeiterinnen, und ich mein das jetzt ganz im weiblich männlichen Sinn, also die Frauen, die am Fließband gearbeitet haben, die haben das SO viel schneller begriffen als die Männer, dass es sozusagen zum Verschlucken war, also die Männer fühlten sich verunsichert, weil es kam da plötzlich ein merkwürdig aussehender Mensch (Fritjhof Bergmann, Anm.), der überall in der Stadt sichtbar wurde, es war sehr viel Fernsehen, sehr viel (in den) Zeitungen und der behauptete, dass.. es gäbe Arbeit, die unvergleichlich besser wäre als die Lohnarbeit. Und für Männer ist das, also, eine Kastration, wenn das ein deutsches Wort ist, das ist eine Art und Weise den Menschen zu entmannen. Also verunsichern ist ein gutes deutsches Wort. Also es hat sie fürchterlich verunsichert. Für die Frauen war das beinahe langweilig, die haben gesagt, ja natürlich gibt es bessere Arbeit als am Fließband arbeiten, also zum Beispiel, ich finde, dass mein Baby an der Brust zu haben ist für mich viel befriedigender als den Schraubenzieher zu drehen. Und für die war das sozusagen absolut warmes Bier. Also gar nichts Neues. Gar nicht. Aber natürlich war es dann auch so, dass überall und ich würde jetzt über diesen Ursprung hinausgehen, überall, ganz gleich wo, haben immer Frauen die Neue Arbeit schneller begriffen als Männer, weil es eben, weil sie nicht diesen großen Widerstand von der Erwerbsarbeit oder der Arbeitsplatzarbeit oder der Jobarbeit her hatten, und deshalb überall waren die Frauen oft die, die den Impuls weiter gegeben haben, die es verteidigt haben, die sich dafür eingesetzt haben, was sich schon ein bisschen mit der zweiten Hälfte der Frage verknüpft, nämlich, was kann denn der Einzelne dafür machen. Und ich habe schon gesagt, also etwas das Unternehmer natürlich machen können, sie können unser Leben im Sinn der Neuen Arbeit aufbauen, und das kann viel mehr bedeuten als das, was ich schon gesagt habe, nämlich dass man menschlich mit den Menschen umgeht. Es kann auch bedeuten, dass man Zeitkürzungen einführt, dass man es möglich macht, dass man einen Teil der Zeit das tut, was man wirklich will, wie es schon erwähnt Google macht, aber ich hab auch eine Menge, eine Menge mit Betrieben gearbeitet, die haben das, was wir jetzt Community Production, also das gemeinschaftlich Herstellen nennen. Also um das konkret zu machen, ein Betrieb, der mir auch großen Spass gemacht hat, er war American Springs, also Amerikanische Federn, also Automobilfedern, nicht Gänsefedern, und die haben, die waren direkt am Flughafen von Detroit, und der Chef hat gesagt, also wir legen einen Garten auf dem Dach an, weil man das ja dann vom Flieger sehen wird. Und es war gute Reklame, aber es bedeutete auch, dass anstatt Arbeiter zu entlassen oder Arbeit zu kürzen, konnte er sagen, nein, am Freitag gehen wir in den Garten, und am Freitagnachmittag geht ihr alle mit dicken Taschen voller Gurken und Tomaten und Paprika nach Hause. Und das hat wunderbar gewirkt. Und das ist eines von vielen Beispielen, dass man die Neue Arbeit als Unternehmer auf vielfältige Art einführen kann. Nicht nur irgendwie, ja, sozusagen, ja, ja die Neue Arbeit ist das wirklich wollen und damit hat sich’s. Da ist viel, da ist viel mehr dran, da kann man viel, viel mehr machen als nur das. Das ist jetzt auch die Antwort auf die Frage, ja, was kann der Einzelne machen, also es gibt eine FÜLLE. Es ist alles andere als oh, mir fällt dazu überhaupt nichts ein. Sozusagen wir hatten eben hier bei dieser Ausstellung eine Diskussion über das Selber machen. Es war eine gute Diskussion aber mir geht nicht so sehr darum, was kann der Einzelne machen, sondern was kann man mit modernen Technologien ohne großen Kapitaleinsatz am Ort herstellen? Die Antwort darauf ist: fast alles. Computer-Chips sind vielleicht noch eine Ausnahme. Weiters kann man diese Idee verbreiten, sie selber anwenden, diese Idee in Schulen erklären, da kann man die Kinder dahin beeinflussen, es hört überhaupt nicht auf, was man da alles machen kann. Und ich habe jetzt mit Absicht diesen Teil heraus gegriffen, weil – wenn ich das sagen darf – etwas, was so ein bisschen irritierend ist, milde ausgedrückt, ist, dass.. besonders in Europa hat man die Neue Arbeit mit dem einen Satz des „Tun was wir wirklich, wirklich Wollen“ verbunden.

AP: Es ist irreführend, nicht?

FB: Ja, es ist ja genau das, wovon man träumt. Dass ein Produkt oder ein Wort so zum „geflügelten Wort“ wird, und man sieht so richtig die Flügel bei diesem Satz. Aber es hat auch Nachteile. Und, und ich möchte das noch ein bisschen mehr ausmalen, weil ich das wirklich sehr ernst nehme. Ich wollte nicht etwas anzetteln, das dann wieder eine Armee von Halbsklaven dazu bringt, dass sie hinterher marschieren und sich dem aufopfern und sagen, ja, das ist unser Sinn im Leben. Sondern ich wollte eigentlich sehr, dass es dazu kommt, dass die Menschen für sich selber denken, dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen, dass sie das tun, was SIE wirklich, wirklich wollen und dass das um Gottes Willen nicht so ein blödes Reklamerezept wird. Wie der goldene Bogen für die McDonald’s oder so etwas. Und das ärgert mich manchmal. Aber ich glaube, das ist im Abnehmen. Ich glaube, langsam jetzt auch in Österreich und Deutschland, auch im Rest von Europa, wird langsam klarer, dass es andere Hintergründe hat. Es ist eine neue Kultur, eine neue Art zu denken. Da ist nicht nur dieser eine Satz. Und das natürlich ist für mich ein wunderbares Erlebnis.

AP: Kann man sagen, dass die Neue Arbeit in Ländern, denen es lange nicht so gut geht wie uns hier in Europa, einfacher umzusetzen ist, weil die Leute es gewohnt sind, so zu arbeiten? Dort gibt es ja kein Lohnarbeitssystem wie hier. Diese Sicherheit, die man in Österreich glaubt zu haben und diese Systeme, die wir hier alle haben. Es ist ja auch sehr verhaftet in uns, dass wir so ein Pflichtversicherungssystem haben, in das wir unser Leben lang einzahlen, und dann bei der Pension kriegen wir unsere Pension, wenn wir sie noch bekommen. Welche Formen gibt es da in anderen Ländern, beziehungsweise, wie funktioniert das bei der Neuen Arbeit? Die Altersversorgung.

FB: Ja, kann ich auch auf den ersten Teil der Frage antworten?

AP: Ja, gerne.

FB: Also, ich mein, da ist natürlich ein ganz, ganz großer Unterschied. Weil in sehr vielen – und ich würde noch mal betonen in sehr schnell zunehmenden, also das wächst jetzt, das wird immer schneller und in einem Galopp schneller – also in sehr vielen Ländern ist die Sicherheit zum Schornstein raus geflogen. Und auch in den Vereinigten Staaten, und wie! Auch was Pensionen angeht und so weiter, Versicherungen, ist alles unsicher geworden. 80% der Menschheit sind im Augenblick, was ich mit Wüstenmenschen im Unterschied zu Oasenmenschen nenne, also die leben in der Wüste, die leben in Gefahr, die suchen nach was zu essen, die finden es ja oft leider, leider in einem Mülleimer wenn überhaupt, und man macht sich – zum Teufel noch einmal – man macht sich in Österreich wirklich keine lebhafte Vorstellung davon, wie diese Art Leben aussieht. Und aus meiner Sicht ist es etwas, das höchst, höchst nötig wäre, mit all diesem Gerede über Medien und Internet und Kommunikation, man sollte jeden Tag im Fernsehen oder zumindestens drei Mal in der Woche und ganz besonders in den Schulen, eine Stunde lang zeigen, wie Leute in einem Slum leben. Damit man das wirklich mal deutlich und ich möchte jetzt eigentlich sagen riecht und leider Gottes geht das nicht so gut im Fernsehen, aber der Geruch ist.. sozusagen der gehört dazu. Wenn der nicht dabei ist, dann hat man es noch nicht erlebt eigentlich. Und eben.. es ist einfach eine Notwendigkeit zu sagen, dass man sich NICHT darauf verlassen kann, dass einem irgendein Arbeitsplatz in den Schoß gelegt wird, wenn man nur lange genug bitte, bitte, bitte gesagt hat oder genug Maßnahmen über sich hat ergehen lassen. Oder, dass ein Arbeitsplatz vom Staat geschaffen wird oder dass der Staat einem eine Versicherung gibt, bis ans Lebensende, was hier in Österreich nicht ungewöhnlich ist. Ich hab gerade heute mit entlassenen Tabakfabrikarbeitern gesprochen, die erhalten eine Pension bis ans Lebensende. Also das ist für den großen, also für sagen wir vier Fünftel dieser Erde ist das alles vollkommen unverständlich. Vollkommen unerhört, nicht zu glauben. Und deshalb ja, ach du lieber Gott, was ist das Allerselbstverständlichste? Das Allerselbstverständlichste ist, wenn es nichts gibt, wenn ich nicht einkaufen gehen kann, dann muss ich es machen, dann pflanze ich es. Also es ist notwendig.

AP: Ja, das kennt man bei uns nur aus den Erzählungen der Großeltern, wie es war zu Zeiten des Krieges.

FB: Ja, zum Beispiel.

AP: Ich habe den Eindruck, dass es in Bezug auf die Neue Arbeit viel Widerstand gibt, weil die Leute es sich nicht vorstellen können.

FB: Das würde ich nicht sagen.

AP: Nicht?

FB: Nein, das glaub ich ist nicht der Fall. Es ändert sich sehr. Und zwar JETZT. Also ich meine in diesem Jahr, in diesen Monaten, im nächsten Jahr und so. Es gibt eine unwahrscheinlich große Anzahl von Menschen. Die zeigen nicht Widerstand, die sagen oh nein, das ist sowas, oh das ist so intelligent und so der Zeit voraus und so.. auch so charmant und so anziehend… aber tun tun sie nichts.

AP: Wahrscheinlich auch, weil sie nichts von ihrem Status hergeben wollen, das werden sie aber irgendwann müssen, glaube ich.

FB: Nein, es ist nicht richtiger Widerstand. Lethargie oder so was. Mehr als das. Und die Leute können es sich nicht vorstellen. Es ist schwer, das sichtbar zu machen. Das war eigentlich einer der Impulse hinter dieser Ausstellung, dass es die Neue Arbeit sichtbar macht, man kann hier einige Sachen anschauen, in der die Neue Arbeit schon vorkommt, wie bei euch (bei wienett.com, Anm.) oder wie bei den Fabrikatoren, wie bei den vertikalen Gärten und so weiter. Also man kann anfangen zu sagen, ja es fängt an bei mir zu dämmern.

AP: Sie denken ja schon lange so, laut Wikipedia haben Sie 1949 einen Aufsatz geschrieben zum Thema „Was wir wirklich wollen“ und sind dann zum Studieren nach Oregon gekommen?

FB: Ja.

AP: Wie sind Sie damals schon auf diese Idee gekommen? Welchen persönlichen Hintergrund hat das?

FB: Ja, da kann ich einen Haufen sagen, das dauert jetzt zu lang..

AP: Nur kurz..

FB: Ich habe jahrelang Philosophie in den renommiertesten Universitäten Princeton, Stanford, Berkeley und so weiter unterrichtet. Also das ist nicht nur Spaß, sondern ich habe sozusagen eine ganze Epoche meines Lebens über alles mögliche sehr nachgedacht. Und dabei ist mir auch passiert, eben mir persönlich, dass ich an ganz entscheidenden Punkten gesagt habe, NEIN! Was ist es, was ich eigentlich wirklich will? Zum Beispiel hatte ich einen Vater, der hat die Vorstellung bei sich aufgebaut, dass ich gut reden kann und daraus hat er die Illusion entwickelt, dass ich Pfarrer werden sollte und er wollte mich mit allen Mitteln seiner väterlichen Unkunst dazu zwingen, Pfarrer zu werden und ich habe gesagt Nein. Und das hatte dann mit der Auswanderung nach Amerika zu tun, also da kam dann zufällig auch das Stipendium. Ich habe dann sehr jung, also ich war glaube ich 24, eine Professur bekommen. In Princeton. Und fing an in Princeton zu unterrichten. Und ich habe ein Jahr lang in Princeton – das sind die verwöhntesten Fratzen in ganz Amerika, man kann in Princeton nicht studieren, wenn der Vater nicht ursteinerzreich ist, so ist die Schule aufgebaut – also versucht diesen Fratzen, Dostojewski, Kafka, Camus… zu erklären. Nach einem Jahr wusste ich, das ist nicht was ich will. Und habe dann zwei Jahre lang im Wald gelebt, was oft erwähnt wird, und dann habe ich erkannt, das ist auch nicht, was ich wirklich will.
Die Polarität der Arbeit ist das, was ich als ganz zentral ansehe. Die Polarität ist der Unterschied zwischen einem Menschen, der unter der Arbeit leidet, die sie tut, und einem Menschen, der das tut, was sie wirklich, WIRKLICH will, das betrifft ALLES. Es ist flächendeckend. Da ist ein Riesenunterschied zwischen der Art und Weise, wie man die Sexualität lebt, wenn man die Arbeit liebt und wenn man die Arbeit hasst. Riesenunterschied im Verhältnis zu dem Lebenspartner, Riesenunterschied im Verhältnis zu den Kindern, Riesenunterschied, was Gesundheit angeht, Riesenunterschied, was Lebenserwartung angeht. Also ALLES verändert sich, dreht sich um die Achse des „Tust du das, was du wirklich willst im Leben oder tust du etwas, unter dem du eigentlich leidest im Leben“. Und daraus hat sich die Neue Arbeit entwickelt.

AP: Eine letzte Frage noch. Weil Sie gesagt haben, Ihr Vater wollte Sie zwingen Pfarrer zu werden.

FB: Ja.

AP: Wie ist das mit der katholischen Kirche übt die nicht eine ganz starke Funktion aus, in katholischen Ländern, dass die Leute einfach „funktionieren“?

FB: Ja, und wie! Und das ist ein Grund, warum ich optimistisch bin. Weil das nicht mehr funktioniert. Die Grundhaltung der katholischen Kirche, „dieses Leben ist ja doch das Tal der Tränen und ich setze alles auf das nächste Leben, und das wird mir schon sozusagen gut gemacht werden, wenn ich jetzt leide und das aushalte“. Ich glaube diese Haltung gibt es weniger und weniger und DESHALB gibt es die Neue Arbeit mehr und mehr.

AP: Ja, das glaube ich auch. Vielen Dank für das Gespräch.

Martina Gruber, Frithjof Bergmann, Anita Posch bei der NANK im Rahmen der Ars Electronica 2010

Martina Gruber, Frithjof Bergmann, Anita Posch bei der NANK im Rahmen der Ars Electronica 2010

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